Vor einiger Zeit habe ich an einer Schweigewanderung durch die Sahara teilgenommen. Mehrere Tage lang gab es weder Telefon noch Internet, keine Nachrichten, keine Termine und keine Gespräche. Um uns herum nur Sand, Himmel und eine Weite, die sich kaum beschreiben lässt. Was zunächst wie eine abenteureliche Reise durch eine fremde Landschaft begann, entwickelte sich schnell zu einer Reise nach innen.
Als Arzt habe ich einen großen Teil meines Lebens damit verbracht, Menschen zuzuhören. In der Allgemeinmedizin erzählen Menschen von ihren Beschwerden, Sorgen, Hoffnungen und Ängsten. In der Palliativmedizin kommen oft noch die großen Fragen des Lebens hinzu: Was ist wichtig? Was bleibt? Was hätte ich anders machen sollen? In vielen tausend Gesprächen habe ich gelernt, dass Menschen nicht nur an Krankheiten leiden. Sie leiden häufig auch daran, dass sie den Kontakt zu sich selbst verloren haben.
Wir leben in einer Zeit, in der beinahe jeder freie Augenblick gefüllt wird. Informationen stehen jederzeit zur Verfügung, Unterhaltung ebenso. Sobald eine Lücke entsteht, greifen wir zum Smartphone, schalten das Radio ein oder beschäftigen uns mit dem nächsten Punkt auf unserer Aufgabenliste. Diese permanente Beschäftigung hat aber einen Preis: Wir verlieren zunehmend die Fähigkeit, mit uns selbst allein zu sein.
Die Stille wirkt deshalb auf viele Menschen zunächst ungewohnt, häufig auch beängstigend. Wer sich ihr aussetzt, erlebt nicht automatisch Frieden und Gelassenheit. Häufig tauchen zuerst Unruhe, Ablenkung und Gedanken auf, die lange keinen Platz hatten. Erinnerungen melden sich zurück. Offene Fragen drängen sich ins Bewusstsein. Manches, was bisher erfolgreich überdeckt wurde, wird plötzlich sichtbar.
Gerade darin liegt jedoch ihr Wert.
Die Stille verändert die Welt nicht. Sie verändert aber den Blick auf die Welt. Sie löst keine Probleme und beantwortet keine Fragen. Sie schafft jedoch einen Raum, in dem Probleme klarer gesehen und Fragen überhaupt erst gehört werden können. In einer Kultur, die ständig nach Geschwindigkeit, Produktivität und Optimierung strebt, erinnert sie uns daran, dass das Wesentliche oft dort zu finden ist, wo gerade nichts geschieht.
Während der Tage in der Sahara wurde mir zunehmend bewusst, wie selten wir uns erlauben, einfach nur da zu sein. Ohne Aufgabe. Ohne Ziel. Ohne die Notwendigkeit, etwas leisten oder darstellen zu müssen. Gleichzeitig wurde deutlich, wie wohltuend genau das ist. Die Aufmerksamkeit kehrt zurück. Die Wahrnehmung wird feiner. Dankbarkeit für scheinbar selbstverständliche Dinge entsteht beinahe von selbst. Ein Gespräch, ein Sonnenaufgang, eine Tasse Tee oder das Schweigen unter einem Sternenhimmel erhalten plötzlich eine Bedeutung, die im Lärm des Alltags leicht verloren geht.
Dieser Impuls ist eine Einladung, sich auf diese Erfahrung einzulassen. Nicht um ein anderer Mensch zu werden. Nicht um sich zu optimieren. Sondern um sich selbst wieder etwas näher zu kommen.
Drei Fragen zum Weiterdenken
- Wann habe ich mir zuletzt bewusst Zeit genommen, um ohne Ablenkung mit meinen Gedanken allein zu sein?
- Welche Fragen meines Lebens erhalten im Alltag zu wenig Aufmerksamkeit?
- Was würde sich verändern, wenn Stille einen festen Platz in meinem Leben bekäme?
Wer diesen Gedanken weiter folgen möchte, findet im Vertiefungsraum „Heilsame Stille – Zehn Schritte zurück zu sich selbst“ praktische Übungen, persönliche Erfahrungen, sowie konkrete Anregungen für mehr Ruhe, Klarheit und Selbstreflexion im Alltag.
Privat: Heilsame Stille – Zehn Schritte zurück zu sich selbst
Eine Einladung zu mehr Stille, Wahrnehmung und innerer Klarheit – mit zehn praktischen Schritten zurück zu sich selbst.
