Im Laufe meiner mittlerweile mehr als zwanzigjährigen Tätigkeit als Hausarzt und Palliativmediziner habe ich viele Menschen über lange Strecken ihres Lebens begleitet. Manche kenne ich seit Jahrzehnten. Ich habe erlebt, wie aus jungen Familienvätern und Müttern Großeltern wurden, wie aus beruflich hochaktiven Menschen Ruheständler wurden und wie sich Lebenspläne, Hoffnungen und Prioritäten im Laufe der Jahre verändert haben.
Dabei fällt mir immer wieder auf, dass das Älterwerden selten mit einem einzelnen Ereignis beginnt. Es gibt keinen klaren Zeitpunkt, an dem man morgens aufwacht und feststellt: Jetzt bin ich alt.
Viel häufiger sind es kleine Beobachtungen des Alltags. Die Erholung nach einer anstrengenden Woche dauert etwas länger als früher. Die Lesebrille wird vom gelegentlichen Hilfsmittel zum ständigen Begleiter. Namen wollen einem nicht mehr ganz so schnell einfallen. Vielleicht kommt das erste Medikament hinzu, das nicht nur für einige Tage, sondern dauerhaft eingenommen werden soll.
Objektiv betrachtet sind das oft Kleinigkeiten. Und doch berühren sie etwas, das weit über die eigentliche Veränderung hinausgeht. Denn mit solchen Erfahrungen tritt zum ersten Mal ein Gedanke ins Bewusstsein, der viele Jahre kaum eine Rolle gespielt hat: Das Leben ist nicht unbegrenzt.
Unsere Gesellschaft tut sich mit dieser Erkenntnis schwer. Wir leben in einer Zeit, in der Jugendlichkeit, Leistungsfähigkeit und Selbstoptimierung einen hohen Stellenwert besitzen. Fast täglich begegnen uns neue Versprechen, länger jung, fitter, gesünder und leistungsfähiger zu bleiben. Gegen den natürlichen Prozess des Alterns scheint es für alles eine Strategie, ein Training oder ein Programm zu geben.
Dabei gehört das Älterwerden zu den wenigen Erfahrungen, die wirklich alle Menschen miteinander teilen. Niemand kann sich ihm entziehen. Wer lange genug lebt, wird erleben, wie sich der eigene Körper verändert, wie Menschen aus dem eigenen Umfeld krank werden oder sterben und wie die Selbstverständlichkeit der Jugend langsam einem anderen Blick auf das Leben weicht.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, wie wir das Altern verhindern können. Die wichtigere Frage lautet, wie wir ihm begegnen wollen.
In meiner Arbeit habe ich Menschen kennengelernt, die körperlich erstaunlich gesund geblieben sind und dennoch voller Sorgen und Unzufriedenheit auf ihr Leben blickten. Und ich habe Menschen begleitet, die mit schweren Krankheiten leben mussten und trotzdem eine bemerkenswerte innere Ruhe und Freude ausstrahlten.
Der Unterschied liegt nicht in Diagnosen, Lebensumständen oder Besitz.
Der Unterschied liegt in der Haltung zum Leben.
Die Menschen, die dem Alter mit größerem Frieden begegnen, haben oft gelernt, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden. Sie wissen, dass Würde nicht von Jugend abhängt. Sie haben verstanden, dass Lebensqualität mehr bedeutet als körperliche Leistungsfähigkeit. Und sie haben erkannt, dass die Begrenztheit des Lebens seinem Wert nichts nimmt, sondern ihm überhaupt erst seine besondere Bedeutung verleiht.
Dem Alter zu begegnen bedeutet deshalb nicht, alles schönzureden. Es bedeutet nicht, Krankheit, Schmerzen oder Verluste zu verleugnen. Es bedeutet vielmehr, die Realität anzunehmen, ohne sich von ihr beherrschen zu lassen.
Denn das Alter nimmt uns manches. Es nimmt uns ein Stück körperlicher Selbstverständlichkeit. Es konfrontiert uns mit Grenzen. Es erinnert uns daran, dass Zeit kostbar ist.
Gleichzeitig eröffnet es aber auch Möglichkeiten, die in jüngeren Jahren oft verborgen bleiben. Viele Menschen gewinnen mit den Jahren mehr Gelassenheit. Sie werden unabhängiger von den Erwartungen anderer. Sie erkennen klarer, was ihnen wirklich wichtig ist. Und nicht selten wächst mit dem Alter auch die Fähigkeit, dem Leben und den Menschen mit größerer Nachsicht und Menschlichkeit zu begegnen.
Darin liegt eine besondere Chance des Älterwerdens: nicht jünger bleiben zu müssen, sondern menschlicher zu werden.
Frage zum Weiterdenken
Wenn Sie an Ihr eigenes Älterwerden denken:
Was möchten Sie bewahren – und was dürfen Sie loslassen?
Was macht Ihr Leben lebenswert?
Leben Sie gerne?
Wir arbeiten gerade an dem Vertiefungsraum zum Thema: „Dem Alter begegnen – Gedanken über Krankheit, Endlichkeit und ein gutes Leben.“ Haben Sie Interesse daran? Bitte schreiben Sie uns eine kurze Nachricht, das motiviert uns und spornt uns an!