Freiheit beginnt mit einem ehrlichen Moment

Wenn wir im STENONIANUM über Gesundheit sprechen, dann meinen wir selten nur Blutwerte oder Diagnosen. Wir meinen oft etwas Tieferes: die Fähigkeit, mit sich selbst in einer ruhigen Beziehung zu bleiben.

In meiner Tätigkeit als Hausarzt begegne ich immer wieder Menschen, die medizinisch betrachtet eigentlich recht gesund sind. Ihre Untersuchungen sind unauffällig, die Medikamente gut eingestellt und die wesentlichen Dinge des Lebens scheinen in Ordnung zu sein. Und dennoch spürt man manchmal schon nach wenigen Minuten Gespräch, dass etwas nicht stimmt. Nicht im Körper, sondern in der Art, wie diese Menschen ihr Leben führen.

Viele von ihnen erleben eine Form von Unfreiheit, die von außen kaum sichtbar ist. Sie sind nicht eingesperrt und werden nicht von anderen Menschen beherrscht. Sie treffen ihre Entscheidungen selbst. Und doch haben sie das Gefühl, dass sie bestimmten Gewohnheiten, Bedürfnissen, Erwartungen oder Verhaltensmustern immer wieder folgen müssen, obwohl sie es eigentlich anders möchten.

Diese Erfahrung begegnet mir in ganz unterschiedlichen Gestalten. Für den einen ist es die Zigarette, ohne die er sich keinen stressigen Tag vorstellen kann. Für die andere das Glas Wein am Abend. Manche beruhigen sich mit Essen, andere mit ständiger Beschäftigung, mit Arbeit, mit dem Smartphone oder mit einer Unruhe, die kaum noch Pausen zulässt. Die konkreten Formen unterscheiden sich, die zugrunde liegende Dynamik ähnelt sich oft erstaunlich.

Hinter vielen Gewohnheiten steht nicht Schwäche und auch nicht mangelnde Vernunft. Meist steht dahinter ein menschliches Bedürfnis. Das Bedürfnis nach Entlastung, nach Beruhigung, nach einem kurzen Gefühl von Sicherheit oder Kontrolle. Unser Nervensystem sucht nach Wegen, mit Anspannung umzugehen. Viele Verhaltensweisen, die uns später belasten, haben einmal als durchaus verständlicher Versuch begonnen, sich selbst zu helfen.

Gerade deshalb beginnen nachhaltige Veränderungen selten mit Druck, Schuldgefühlen oder besonders ehrgeizigen Vorsätzen. Sie beginnen mit einer Haltung, die zugleich einfach und anspruchsvoll ist: mit Ehrlichkeit.

Ehrlichkeit bedeutet in diesem Zusammenhang nicht Selbstkritik. Sie bedeutet vielmehr die Bereitschaft, das eigene Leben aufmerksam anzuschauen. Zu erkennen, welche Gewohnheiten entstanden sind. Zu verstehen, welche Funktion sie erfüllen. Und wahrzunehmen, welchen Preis man für sie bezahlt.

Im Laufe meines eigenen Lebens habe ich diese Erfahrung ebenfalls gemacht. Viele Jahre lang habe ich geraucht. Natürlich kannte ich die medizinischen Risiken. Als Arzt waren mir die Zusammenhänge sogar besonders vertraut. Entscheidend war am Ende jedoch nicht ein weiteres Argument und auch kein besonders kluger Vorsatz. Entscheidend war der Moment, in dem eine einfache Erkenntnis nicht mehr zu übersehen war:

So wie es ist, ist es nicht mehr stimmig.

Dieser Satz  beschreibt einen Augenblick innerer Klarheit. Und genau aus solcher Klarheit entstehen oft die tragfähigsten Entscheidungen.

Freiheit beginnt deshalb für mich nicht dort, wo wir keine Bindungen mehr haben. Freiheit beginnt dort, wo wir unser Leben bewusster führen und nicht jeder Gewohnheit, jedem Impuls und jeder inneren Unruhe automatisch folgen müssen. Zwischen dem Reiz und der Reaktion entsteht ein kleiner Raum. In diesem Raum liegt die Möglichkeit einer Entscheidung. Und in dieser Entscheidung liegt der Beginn von Freiheit.

Nehmen Sie sich heute einen Moment Zeit und fragen Sie sich:

Welche Gewohnheit in meinem Leben dient mir längst nicht mehr so gut, wie sie es einmal getan hat?


Vertiefungsraum

Wir arbeiten gerade an dem Vertiefungsraum zum Thema: „Endlich aufgehört – Rauchfrei-Kurs.“ Haben Sie Interesse daran? Bitte schreiben Sie uns eine kurze Nachricht, das motiviert uns und spornt uns an!